Männlein oder Weiblein – das ist hier die Frage!

Derzeit sind an den Wald-, Acker- und Straßenrändern hohe Brennnesseln zu sehen. Sie wachsen dort immer, im Herbst ziehen sie sich aber in ihr Wurzelgeflecht zurück und man sieht sie nicht mehr. Im Frühjahr treiben sie mit leicht rot überhauchter Färbung wieder aus. Für Frühjahrskuren, die der Entschlackung dienen, ist Brennnesseltee ein bekanntes Mittel. Auch ihre Verwendung in der Küche ist mittlerweile in vielen Haushalten üblich. Entweder wie Spinat zubereitet oder roh in den Salat. Dafür müssen die Blätter aber mit dem Wellholz platt gewalzt werden, damit die Brennhaare abbrechen.

Jetzt fallen vor allem die Blüten- und Fruchtstände auf. Die Samen, hier im Wortsinn von „Früchten“ zu verstehen, hängen in Rispen an den Pflanzenstängeln herab. Die Samen sind sehr gehaltvoll, sie enthalten mehrfach ungesättigte Fettsäuren, Schleimstoffe und Carotinoide und werden in pflanzenkundigen Kreisen gerne als heimisches Superfood bezeichnet.

Neulich bekam ich einen Newsletter, in dem Brennnesselsamen vorgestellt wurden. Dort wurde auch auf die botanische Besonderheit der Pflanze hingewiesen. Brennnesseln sind getrenntgeschlechtliche Pflanzen. Dieser Satz  stimmt. Aber danach begann die Verwirrung! Es wird darauf hingewiesen, dass vorzugsweise weibliche Samen der Brennnessel zu ernten sind. Männliche Pflanzen bilden überhaupt keine Samen aus und dieser kann somit auch nicht geerntet werden.

Das Missverständnis liegt in der Verwendung des Begriffs „Samen“ im Pflanzenreich. Bei den Menschen ist die Zuordnung von Samen und Frucht eindeutig. Der Samen (Sperma) ist männlich und die Frucht (Kind) das Ergebnis der Befruchtung. Bei den Pflanzen heißt das Sperma Pollen und das Ergebnis der Befruchtung ist landläufig entweder die Frucht oder der Samen.

Die gleiche Verwirrung wie im Newsletter hatte ich vor kurzer Zeit bei einer Kräuterführung. Teilnehmer wollten genau den Unterschied zwischen den männlichen und weiblichen Brennnesseln wissen, damit sie die richtigen Samen ernten  können. Für mich hatte sich im Vorfeld diese Frage noch nie gestellt, da es in meiner botanischen Welt nur Samen an weiblichen Brennnesseln gibt. Während der Führung habe ich versucht, den optischen Unterschied  der beiden Blüten zu erklären, was nicht so einfach war, da sie sich je nach Entwicklungsstadium sehr ähneln.

Bisher habe ich immer nur die Samen gegessen, ich werde in Zukunft aber die männlichen Blüten probieren. Wer weiß, welche Superinhaltsstoffe sie haben, da Pollen immer aus Eiweiß, Fetten und Zucker bestehen.

Neben der beschriebenen großen Brennnessel (Urtica dioica) gibt es bei uns noch eine Brennnesselart, die kleine Brennnessel (Urtica urens). Bei ihr ist manches anders als bei ihrer großen Schwester. Sie ist einjährig, wächst auf Ruderalflächen, Äckern und im Garten. Außerdem ist sie einhäusig getrenntgeschlechtlich, d.h. männliche und weibliche Blüten sind extra, wachsen aber auf einer Pflanze. Und wer schon einmal in Kontakt mit der kleinen Brennnessel kam, habt gemerkt, dass sie viel stärker brennen kann als ihre große Schwester. Vielleicht liegt dies am gemeinsamen Zusammenleben der Geschlechter auf einer Pflanze?

Karin Öchslen

 

 

 

 

Sommer  - Zeit der Düfte

Würden wir ohne zu sehen und dafür mit offener Nase durch unsere Umgebung spazieren, wäre es durchaus möglich, die Jahreszeiten zu erschnuppern.
Der Mai lässt sich in Gegenden, in denen Bärlauch wächst, unverwechselbar erkennen. Die Blätter des bis dahin nicht riechenden Bärlauchs beginnen sich zurückzubilden und der typische Knoblauchduft wird freigesetzt. Im Wald macht danach der Waldmeister weiter. Auch er verströmt seinen unvergleichlichen Duft erst, wenn die Blätter absterben oder welk werden. Beim Pflücken von Trieben für die berühmte Maibowle stellt sich immer die Frage, wie das denn funktionieren soll mit dem Aroma, bisher riecht man doch nichts. Erst durchs Anwelken oder noch besser durchs Eingefrieren kommt der Geruch zustande.
Ab Mitte Mai (je nach Region) beginnt dann der Holunder zu blühen. Hier sind es nun die Blüten, die stark duften. Sie locken damit Insekten an und führen somit eine Bestäubung herbei, deren Resultat die schwarzroten Holunderbeeren im Herbst sind. Im Garten beginnen etwas später die ersten Rosen zu blühen. Je nach Sorte verströmen sie entweder keinen oder aber einen sehr wohlgefälligen Duft. Wachsen unterschiedliche Duftrosen im Garten, ergeben sie ein Potpourri aus verschiedenen Rosenaromen. Die duftenden Rosenblüten lassen sich gut trocknen und in der kargen Winterzeit kann mit ihnen die Sonne und Wärme des Frühsommers hergezaubert werden.
Ab Mitte Juni werden die Blumenwiesen gemäht und von dort geht der typische Heublumenduft aus. Verantwortlich dafür ist unter anderem ein unscheinbares Gras mit dem Namen „Ruchgras“. Der Duft entfaltet sich ebenso wie beim Waldmeister erst, wenn die Pflanze geschnitten ist und sie trocknet. In grünem Zustand riecht es eher unangenehm. Für die Pflanze gibt es den Merksatz: „oben hui und unten pfui“.
Das Ende des Junis wird mit dem süßen, beinahe schon aufdringlichen Duft des Ligusters eingeläutet. Die Sträucher sind neben dem Duft auch am Geräusch zu erkennen, da sie zu dieser Zeit, in der nicht mehr viele andere Pflanzen blühen, von zahlreichen Insekten angeflogen werden. Wie beim Holunder ergibt das Resultat der Bestäubung schwarze Beeren, die für die Menschen ungenießbar, für die Vögel und andere Tiere jedoch eine wichtige Nahrung sind.
Bei einem Spaziergang letzter Woche lagen öfters Duftwolken mit süßlichem Aroma in der Luft. Als erstes kam der Gedanke auf, dass dies Liguster ist. Die Suche nach den Pflanzen blieb aber erfolglos. Die einzigen weißblühenden Sträucher waren Holunderbüsche. Der Weg führte durch eine große Fläche blühenden Gierschs und nach der Erkenntnis, dass es keinen Liguster in der Umgebung gibt, fiel die Aufmerksamkeit auf den Giersch. Beim Riechen an den Blüten wurde klar, woher der süße Duft kam. Die vielen Gierschblüten verströmten dieses honigsüße Aroma. Dies war eine völlig neue Erkenntnis zu dieser doch wohlbekannten Pflanze. Da der Giersch sich mit seinen Ausläufern keine Sorge um die Vermehrung machen braucht, verströmt er den süßen Duft vielleicht als Entschädigung für sein dominantes Wachstum an Stellen im Garten, wo wir ihn nicht unbedingt wollen.

 

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